Korrespondenz

KIESERITZKY UND VON HEYDEBRAND

In der erhaltenen, umfangreichen Korrespondenz-Sammlung des Herrn Tassilo von Heydebrand habe ich 14 Briefe hangeschrieben von Lionel Kiesetitzky gefunden. Der erste Brief trägt das Datum 3 Dezember 1840, der letzte - 11 August 1852; alle berteffen den pariser Lebensabschnitt des livländischen Schachmeisters. Die Briefe wurden auf dûnnem Papier, beiderseitig, Blattgrõsse ca. A4, einmal gefaltet geschrieben.
Ausgenommen Datum und Unterschrift sind die Briefe in deutsch und gotischer Schreibart geschrieben worden. Die Entzifferung des Inhaltes erwies sich sogar fûr geborene Deutschen ziemlich kompliziert. Schliesslich dank den Bemûhungen des bekannten Schachjournalisten Gerald Schendel unterschtûtzt von Frau Ilsabe Geib aus Kandern sowie Frau Lilly Zon aus Iusingen ist die Enzifferung von 3 Briefen gelungen; daraus zwei, die wichtigsten, mõchte ich hier in meiner eigenen Ûbersetzung vorstellen.
Fûr alle Anhänger der Meisterschaft Lionel's Kieseritzky wurde (der Unterzeichnete gehõrt zu diesem Kreis...), dem nicht selten die poetische Benennung eines Unsterblichen Verlierers erteilt wurde, jede neue gefundene Andenken irgendwie verbundene mit dem Meister von Dorpat bereitet grosse Freude, sogar dann, wenn die Funde nur dûnne Papierstreifen mit nicht besonders faszinirenden Neuigkeiten sein sollte.
Zweifellos am meisten interresant ist der letzte Brief vom August 1852. Kieseritzky erhielt vom v. Heydebrand ein Exemplar der zwieten Auflage des berûhmten "Handbuches des Schachspiels" und beeilt sich mit Bedankungen. Nach 8 Jahren Bemûhungen und Briefaustausch mit von Heydebrand muss er gestehen, dass aus finanziellen Grûnden die Herausgabe der franzõsischen Ûbersetzung des "Handbuches" nicht mõglich wäre. In Frankreich konnte die Minimum-zahl von 250 potenzieller Kaufern, unentbährlich fûr Kostendeckung der Herausgabe, nicht erreicht werden. Nebenbei kõnnen wir feststellen, dass 150 Jahre zurûck das Drûcken der Schachlitteratur war eine ebenso undankbare Beschäftigung wie heute.
Im weiteren Teil des Briefes finden wir die Feststellung einer Krise in der franzõsischen Schachwelt um Jahr 1852. Kieseritzky berichtet ûber die Schliessung der Monatschrift "La Régence", deren Herausgeber war er selbst durch die letzten 3 Jahre. Die Stimmung in dem Schach-zirkel mûsste auch nicht besonders wûnschenswert sein, da Kieseritzky erwartet seine baldige Lõsung. Die wahre Sorge ist jedoch an diesen Stellen seines Brifes fûhlbar, wo er beschreibt, wie Café de la Régence - sein "Arbeitsplatz" - niedergeriessen wurde; das geschah im Laufe eines totalen Umbaues der pariser Architektur.
Lionel Kieseritzky starb in dem Krankenhaus "La Charite" am 19 Mai 1853, also lediglich 9 Monate nach der Sendung seines Briefes an von Heydebrand. In dieser Zeit konnte er auf keine Verdinste aus seiner Journalistik mehr rechnen; es existierte nicht mehr Café de la Régence, wo er seit ûber 10 Jahren fast jeden Tag Schach-Lehre erteilte oder um eine vereinbarte Einlage spielte und auf diese Weise Geld verdiente. Wie verlief sein Leben in den letzten Monaten? Diese Frage habe ich mir schon immer gestellt. Leider scheint das, wie auch die Ursache seines frûhzeitigen Todes, unbeantwortet zu bleiben.
 
(Brief No. 1)
 
Paris am 13/25 Septbr 1844
Sehr geehrter Herr von Heydebrand
 
Indem ich die Ehre habe Ihnen den Empfang Ihres Schreibens vom 3ten d. M. zu melden, bin ich sehr erfreut Ihnen die Nachricht von Herrn Stauntons baldiger Ankunft, die so eben hier eingegangen, zugleicher Zeit mittheilen zu kõnnen. Nach seinem Briefe wird er am 10ten Octbr hier eintreffen von Capitain Evans und mehreren anderen ausgezeichneten Engländern begleitet.
Was mich aber am meisten freut is, dass auch Sie uns das so lang ersehnte Vergnügen schenken wollen, einige Zeit in Paris zuzubringen; so werde ich also Gelegenheit haben, meinen berûhmten Landsmann den Herrn Parisern in Parisen einzuführen.
Nun haben wir also doch einen Genuss - die Ûbersetzung Ihres Werkes, an deren Ausführbarkeit ich fast verzweifelt, werde ich nun doch vollbringen mit Hülfe eines Freundes, der bereits an einer andern arbeitet, worüber ich Ihnen ausführlichere Mittheilungen vorbehalte. Haben Sie die Gelegenheit mich zu benachrichtigen, wann Sie in Paris einzutreffen gedanken. Es würde mir äusserst angenehm sein, wenn ich dazu beitragen könnte, Ihnen den hieseigen Aufenthalt so ergötzlich als möglich zu machen.
Die Post drängt, und ich habe eben nur so viel Zeit mich zu unterschreiben.
 
Mit grösster Hochachtung
Ihr ganz ergebenster Diener
LKieseritzky
 
(Brief No. 2)
 
Paris am 11ten August 1852
 
Hochwohlgeborener Herr Kammerherr
 
Erlauben Sie mir, Ihnen den aufrichtigsten Dank abzustatten fûr die gûtige Zusendung ihres vortrefflichen Werkes. Das Erscheinen dieser zweiten Ausgabe ist gewiss ein erfreulicher Beweis von der wachsenden Theilname, welche man in Deutschland dem Schach widmet. Auch hier ist ihm, von den besser gesinnten, freundlicher Gruss zu Theil geworden, woran sich freilich das Bedauern gemischt der fremden Sprache nicht folgen zu können. Es ist deshalb auch wiederholt der Wunsch geäussert worden, eine franzõsische Ûbersetzung zu veranstalten. Mit Freude wûrde ich sie ûbernehmen, zumal da schon ein grosser Theil der ersten Ausgabe wirklich ûbersetzt ist, die Kosten sind aber ûberaus gross dass die Ausfûhrung wohl nicht zu Stande kommen wird.
Es wären, nach einem nur mäsigen Anschlag, 3000 Frank erforderlich zu Druck, Papier usw. Es mûssten folglich, um den Preis des Originals beizubehalten, 250 Exemplare abgesetzt werden, nur um die Kosten zu decken. Soviel Schachliebhaber kann Frankreich nicht aufbringen, da es nicht einmal der Mûhe werth hält sein einziges Schachjournal zu erhalten. In diesem Jahr ist auch an keine Fortsetzung zu denken, es ist aber mõglich und sogar wahrscheinlich dass im nächsten Jahre die Verhältnise sich anders gestalten. Sollte, was zu wûnschen, der jetzige Schachzirkel sich auflõsen, so wûrde alsdann eine andere Gesellschaft sich bilden mit bessern Elementen und Gesinnungen.
Bei weitem wichtiger ist aber das bevorstehende Eingehen des Café de la Régence, in Folge eines täglich zu erwartenden Decrets, nach welchem der Platz vor dem Palais Royal mir Arcaden versehen werden soll. In diesem Falle wûrde das Haus N 243, in welchem sich das Café befindet, niedergerissen werden. Noch wissen wir nicht, wohin wir uns dann wenden werden.
Das Café hat vor kurzem einen herben Verlust erlitten durch den Tod des H. Des Guis eines unserer stärksten Spieler.
Mit der grõssten Hochachtung habe ich die Ehre zu verharren
Ihr ganz ergebenster Diener
LKieseritzky
 

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